Die große Lüge vom kleinen Ich-bin-ich

Die Gesellschaft teilt sich gerade in 2 große Lager: Die einen, die ihre Werte und Kultur bedroht sehen und am liebsten Grenzzäune errichten möchten. Die anderen, die den weltoffenen Lebensstil pflegen und Diversität als positive Chance sehen. Ich habe dieses aktuelle gesellschaftliche Phänomen genauer unter die Lupe genommen.

„Ich bin nicht von hier. Du bist nicht von hier. Wir sind nicht von hier. Wir sind alle nicht von hier. Es geht doch um den Menschen, was sind Pässe aus Papier? Wir teilen uns diese Erde, komm wir teilen uns noch ein Bier!“

So die ersten Textzeilen aus dem Lied „Wir sind alle nicht von hier“ von Jennifer Rostock. Diese beschreiben sehr gut, was sich derzeit in unser Gesellschaft abspielt. Eine scharfe Trennung von „rechts“ und „links“ geht gerade vor sich, wobei der Rechtspopulismus erschreckenderweise immer mehr zunimmt.

Warum ist dies so? Warum passiert so etwas gerade jetzt und hier? Am Beispiel Österreich lässt sich dies sehr gut zeigen: Wir suchen schon seit über einem halben Jahr einen neuen Bundespräsidenten – die zwei Kandidaten stehen. Aber schon längst geht es hier nicht mehr um die Personen an sich, sondern um die Partei dahinter. Es heißt nicht mehr „Hofer gegen Van der Bellen“ sondern „blau gegen grün“. Abgesehen davon, dass ein/e BundespräsidentIn überparteilich eingestellt sein und agieren sollte, krampft es mich aufgrund dieser vorherrschenden Situation.

In der Wochenend-Ausgabe des Standard fand ich einen äußerst interessanten Artikel zu diesem Thema. Es wurden bereits einige Studien zum Wahlverhalten der jeweiligen Zielgruppen durchgeführt, und die Ergebnisse waren durchaus überraschend: Der Aufschwung der rechtspopulistischen Parteien in Europa sei durch eine schlechte wirtschaftliche Lage und einer hohen Arbeitslosigkeitsrate geprägt. Die EuropäerInnen ließen ihren Frust somit an „denen da oben“, sprich den PolitikerInnen und „denen da unten“, sprich MigrantInnen, flüchtende Menschen etc. aus. So argumentierten zumindest einige PolitikerInnen.

Am Beispiel „BREXIT“, das erste Phänomen, hervorgerufen durch GlobalisierungsgegnerInnen, zeigt sich aber, dass speziell junge BritInnen, die sich in einer schlechteren wirtschaftlichen Situation befinden als die Älteren, für einen Verbleib in der EU gestimmt haben. Neben der wirtschaftlichen Lage hatte auch das Einkommen keinen Impact auf das Brexit-Votum. Was einen hatte, war jedoch das Bildungsniveau: So stimmten sogar schlecht verdienende AkademikerInnen gegen den Brexit. Trotzdem gibt uns dies noch keinen Aufschluss darüber, warum sich die Bevölkerung in diese 2 Lager teilt.

Die Erklärung liegt nämlich tiefer begründet – im Inneren und nicht aufgrund äußerlicher Begebenheiten, wie Einkommen, Globalisierung oder Wirtschaft. Jonathan Haidt beschreibt es in seinem Buch „The Righteous Mind“ wie folgt: Bei offenen Menschen dominiert das Individualistische, heißt, wenn eine Handlung gesetzt wird, die niemanden weh tut, dann ist sie ok. Es kann als Beispiel die Ehe unter homosexuellen Paaren herangezogen werden, die in unter diesen Menschen auf Akzeptanz stößt. Weniger offene Menschen dagegen orientieren sich mehr an einer Gruppe als am Individualistischen, also beispielsweise an der Familie, dem Dorf oder der Nation. Da jede Gruppe strenge Regeln und Normen benötigt um zu funktionieren, müssen demnach auch gewisse Strafen gelten, um diese zu schützen und um die Kooperation untereinander zu fördern. Über RegelbrecherInnen zu tratschen und sich für Verstöße zu schämen gehören ebenfalls dazu. Am Beispiel der Home-Ehe sieht man, dass sich diese in so einem Rahmen nur schwer durchsetzen kann, da gleichgeschlechtliche Paare nicht in dieses Weltbild passen und auch den stereotypen Rollenbildern widersprechen.

Darüber hinaus spielt das liberale und kosmopolitische Denken der vergangen Jahrzehnte noch eine essentielle Rolle: Wenn die Welt unsicher und chaotisch wirkt, dann sehnt sich der Mensch umso mehr nach Stabilität und Kontrolle. So haben weltoffene Personen kein Problem mit Zuwanderung, Menschen mit einem anderen Weltbild offenbar schon. Dominiert der Gruppengedanke in einem Menschen, hält man härtere Strafen für RegelbrecherInnen für äußerst wichtig. So korreliert etwa eine positive Einstellung zur Todesstrafe mit dem Brexit-Votum. Wenn sich weiterführend eine Gruppe selbst und ihre Regeln bedroht fühlt, organisiert sie sich hierarchisch: So stimmen in Österreich fast mittlerweile 40% zu, dass das Land eine starke Führung brauche – im Jahr 2007 waren es nur 10%.

Solch bezeichnende Zahlen zu lesen und dies im Jahr 2016 bei der Vorgeschichte unseres Landes, bereitet mir schlichtweg Angst. Wir sollten aus unserer Geschichte lernen und nicht dieselben Fehler begehen. Ich brauche keinen historischen Flashback, der uns Jahrzehnte danach immer noch bereuen lässt.

Was nun dies alles mit der Geschichte des kleinen Ich-bin-ich zu tun hat? Falls ihr diese noch nicht kennt, hier eine kurze Zusammenfassung: Das kleine Ich-bin-ich, ein buntes Tier, war auf der Suche nach seiner Identität. Es wusste nicht, was und wer er ist. Als es über eine Blumenwiese spazierte, fragte ein Frosch, was für ein Tier es denn sei. Das kleine Ich-bin-ich wusste nur keine Antwort. So fragte es bei verschiedenen anderen Tieren nach, ob die es nicht wüssten. Nachdem ihm keiner die Frage beantworten konnte, fragte es sich schließlich: „Ob’s mich etwa gar nicht gibt?“ Doch dann kam es ihm sogleich: „Sicherlich gibt es mich – ich bin ich!“

Diese Kindergeschichte soll vermitteln, dass wir alle Individuen sind und dass obwohl wir alle verschieden sind, eine Daseinsberechtigung in unserer Gesellschaft haben – auch wenn wir vielleicht anders aussehen, wie dieses kleine bunte Tier. Wenn wir uns nun umsehen, dann leben wir derzeit das genaue Gegenteil: wir schotten uns ab und bauen Grenzzäune, da wir unsere Kultur bedroht sehen und zwar von anders aussehenden/denkenden Individuen.

Ich glaube immer noch an das Gute im Menschen und an eine Gesellschaft, in der Diversität Zukunft hat. Ich oute mich hiermit: Ich bin ein weltoffener Mensch!

**Ani**

 

7 thoughts on “Die große Lüge vom kleinen Ich-bin-ich

  1. Habe gerade deinen Blog entdeckt und bin begeistert – auch wegen solcher Artikel! Mach weiter so! 🙂 Liebe Grüße, Caro

    1. Hallo Caro! Vielen lieben Dank 🙂 ein schöneres Kompliment kannst du mir gar nicht machen – super lieb!! Werde deinen Rat beherzigen 🙂 Freue mich, wenn du weiter dranbleibst! Alles Liebe, Ani

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