Wenn die Selbstoptimierung zurückschlägt: Der Depletion-Effekt

Die Fülle an Informationen in der heutigen Gesellschaft nimmt rasant zu, die Zeit scheint wie im Flug zu vergehen. Woche für Woche, Tag für Tag – das Hamsterrad dreht sich immer schneller. So jedenfalls unsere Wahrnehmung. Dementsprechend versuchen wir uns selbst so zu optimieren, sodass wir auch noch Zeit für uns, unsere Hobbys, unsere Familie oder PartnerInnen haben. Doch diese Selbstoptimierung kann auch ganz schnell nach hinten losgehen.

Montag bis Freitag:

5 Uhr Aufstehen, dann los zur Arbeit. Etwa um 17 Uhr wieder raus aus dem Büro, dann ab nach Hause oder zum Sport. Früh schlafen gehen, damit man wieder fit für den nächsten Office-Tag ist.

Samstag, Sonntag:

Ganz wichtig: immer wenn es möglich ist – Ausschlafen! Dann jedenfalls den Wochenendeinkauf erledigen, Wäsche waschen, Wohnung aufräumen, putzen, kochen, etwas Unternehmen, Blogbeiträge vorbereiten, FreundInnen treffen, Ausgehen und wenn dann noch Zeit ist, ein wenig auf der Couch relaxen.

Dies ist ganz grob und kurz zusammengefasst eine Woche, so wie sie bei mir typischerweise aussieht. Ein Hamsterrad! Und es dreht sich immer schneller – so kommt es mir jedenfalls vor. War doch nicht erst vor kurzem Weihnachten und Silvester? Jetzt sind wir schon wieder mitten im Februar angekommen – wo ist denn die Zeit hin? Ganz erschreckend finde ich, wenn man seine alten Lieblingslieder wieder irgendwo in den weiten des Internets ausgräbt, dann erblickt man das Veröffentlichungsdatum und bemerkt ganz nebenbei, dass dort 1997 steht. Shit! Das war vor 20 Jahren! Ich bin offiziell alt.

Dieser Beitrag soll sich jedoch nicht mit meiner Wahrnehmung von Alter beschäftigen, sondern mit einem ganz anderen Thema. Mit dieser Einleitung wollte ich euch zeigen, dass aufgrund unserer derzeitigen Rahmenbedingungen, speziell aber durch die Technologie, unser Leben sehr fremdgesteuert ist bzw. sehr viele Informationen tagtäglich auf uns einprasseln, sodass der Wunsch an uns selbst da ist, uns immer weiter zu optimieren. Ein ganz normaler Wochentag vergeht oft wie im Flug und abends sitzt man da und weiß oft gar nicht, was man denn die vergangenen Stunden getan hat?!

In vielen Beiträgen liest man oft, dass Prokrastinieren schlecht ist, dieser Zustand unbedingt überwunden werden muss, denn nur wer produktiv ist, wird in der Gesellschaft anerkannt. Nur herumlungern und Nichtstun ist inakzeptabel. Grundsätzlich trifft dies ja zu, und es ist auch bekannt, dass Produktivität mit Erfolg korreliert, nur sollte dies in Maßen geschehen. Ich bin kein Freund der Extreme – egal in welche Richtung es geht, ein gesunder Mittelweg ist meiner Meinung nach immer die beste Option: Sei es in der Arbeit, bei der Ernährung oder beim Sport, die Tendenz in eine extreme Richtung ist ungesund. So kann prokrastinieren in einem gewissen Maß auch gut sein, denn dadurch schafft man beispielsweise Inspiration und neue Ideen.

Prokrastination ist aber auch ein Indikator dafür, dass wir uns etwas „ersparen“ wollen. Wir möchten die Energie und Kraft für eine gewisse Aufgabe nicht investieren, warten ab, denn vielleicht löst sie sich ja von selbst bzw. wird sie nach einer gewissen Zeit einfacher zu lösen? Die Zeit, die wir durch das Abwarten vielleicht für andere Dinge nutzen – also uns dadurch Effizienz versprechen – kann jedoch im worst case in einem noch größeren Ausmaß wieder zu uns zurückkommen und uns umso mehr Ressourcen kosten, als uns die eigentlich Aufgabe zu Beginn. Dies nennt sich dann in der Fachsprache „Depletion-Effekt“ (engl. erschöpfen, aufbrauchen) und ist ein Paradoxon der Prokrastination: Denn beim Versuch es uns leichter zu machen, machen wir es uns tatsächlich viel schwerer!

Das Resultat: Frustration! Sind wir darüber hinaus Personen, die glauben alles perfekt machen zu müssen, kann dies schnell im Burn Out enden. Ihr fragt euch wahrscheinlich, wie man diesem Effekt am besten vermeiden kann? Schwierig! Eine Grundregel gibt es dazu nicht. Wichtig ist, dass man sich diesen Umstand bewusst macht und ihn sozusagen „im Hinterkopf“ behält, also darauf sensibilisiert ist. Es erfordert enormes Fingerspitzengefühl und auch gewisse Erfahrungswerte hinsichtlich Aufgaben, Situationen etc., um diesen Effekt entgegenzuwirken. Doch es gibt auch Situation, wo man schnell weiß, dass dieser Effekt zuschlagen kann bzw. wird: Denkt nur an die letzte Prüfung in der Uni, wo ihr dachtet, nicht so viel lernen zu müssen bzw. ihr euch auf ein Thema konzentriert habt und dann doch ein anderes abgefragt wurde? Für den zweiten Anlauf sind noch mehr eurer Ressourcen erforderlich, um die Prüfung endlich zu schaffen. In dieser Zeit, hättet ihr bereits für andere Prüfungen lernen bzw. die gewonnene Freizeit anderweitig nutzen können.

So lange man aus diesen Situationen lernt und sie im Auge behält, kann fast nichts schiefgehen, denn

Alles auf dieser Welt kann man rückgängig machen, bloß nicht das Wissen. (Alberto Moravia)

In welchen Situationen, hättet ihr euch gewünscht, davor bereits mehr Zeit investiert zu haben, damit ihr im Nachhinein nicht die doppelte Kraft aufwenden musstet?

**Ani**

5 thoughts on “Wenn die Selbstoptimierung zurückschlägt: Der Depletion-Effekt

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