My little white lie! Die kleinen Notlügen der Recruiter

Das Bewerbungsgespräch. Bekanntlich gibt es auf Seiten der BewerberInnen kleine Unwahrheiten, die während des Gesprächs ausgepackt werden, sei es um den beruflichen Werdegang zu „verschönern“ oder um Lücken darin zu übergehen. Aber dass die Recruiter „auf der anderen Seite“ des Tisches auch Unwahrheiten erzählen sollen, ist neu – aber wahr!

Ein Recruiting-Prozess läuft selten nach einem Schema ab. Es gibt so viele Menschen in einem Unternehmen, die daran beteiligt sind und die somit alle auf diesen Prozess Einfluss nehmen können. Besonders wenn es sich um Führungspositionen handelt, möchten selbst die Geschäftsführung oder der Vorstand mitreden. Ganz nach dem Motto „Viele KöchInnen verderben den Brei“, könnt ihr euch vorstellen, dass es somit kein leichtes Unterfangen ist, hier alle Prozessbeteiligten zufriedenzustellen – und dann gibt es am anderen Ende ja auch noch den/die BewerberIn, der/die im besten Falle motiviert und qualifiziert ist und natürlich auch Interesse an einer Zusammenarbeit hat.

Ich selbst habe schon lange Zeit Kontakt mit Recruiter, dadurch, dass ich bereits sehr viele Bewerbungsgespräche durchlebt habe und jetzt sogar selbst durchführe. Schon im Zuge meiner Teilzeitjobs neben dem Studium, musste ich durch die verschiedensten Gespräche, bei den unterschiedlichsten Firmen und Branchen, einmal sogar durch ein Assessmentcenter mit 9 anderen BewerberInnen. Seit einigen Jahren kenne ich auch die andere Seite der Medaille, nämlich die Sicht als Recruiter bzw. mit welchen Herausforderungen man hier zu kämpfen hat. Rückblickend verstehe ich somit gewisse Aktionen oder Aussagen, die ich zum damaligen Zeitpunkt nicht verstanden hatte.

Denn nicht nur BewerberInnen flunkern während des Bewerbungsprozesses, sondern auch jene, die auf der anderen Seite des Tisches sitzen, die Recruiter. Hinter folgenden Aussagen verbirgt sich meistens eine kleine Notlüge:

<< Wir halten Sie natürlich sehr gerne in Evidenz >>

Oh ja, wer hat diesen Satz noch nicht gehört?! Wobei ich ergänzen muss, dass dieser in der Praxis zwar oft missbräuchlich verwendet wird, denn meist ist der Evidenzpool ein erfundenes Konstrukt, welches nicht exisitiert, viele Firmen aber doch auch mit solchen Pools abreiten. Es muss also nicht immer gleich heißen, dass die Bewerbungsunterlagen geshreddert oder im Nirvana abgelegt werden. Mir selbst ist es sogar einmal gelungen, dass ich aufgrund einer Initiativbewerbung, die in einem solchen Evidenzpool weilte, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Meistens jedoch wird dieser Satz sehr missbräuchlich verwendet, um das Gespräch, welches sich meist um eine Absage handelt, nett und höflich beenden zu können.

<< Wir melden uns dann in ca. 2 Wochen bei Ihnen >>

Puh, wie oft ist es mir selbst schon passiert, dass sich Firmen nach diesem Satz monatelang bis gar nicht mehr bei mir gemeldet hatten. Wahnsinn! Die Gründe dafür können aber natürlich – wie in allen Situationen – sehr vielseitig sein: Entweder wurde man vergessen, die Unterlagen verschmissen, oder es ist jemand, der in dieser vorher beschriebenen Prozesskette mit dabei hängt, dazwischen gekommen. Es kann ja immer etwas dazwischen kommen. Dies ist selbst mir schon passiert, dass sich gewisse Dinge verzögert hatten, worauf ich selbst keinen Einfluss nehmen konnte. Wichtig ist hierbei immer eine möglichst transparente Kommunikation in Richtung BewerberIn. Ich kann meine Rückmeldung nicht einhalten (warum auch immer)? Dann ab zum Telefon und dies dem/der KandidatIn kommunizieren! Bis jetzt ist dieser Zug immer auf Verständnis gestoßen. Sich als Unternehmen einfach nicht mehr zu melden ist äußert schädigend. Es sind meist die Kleinigkeiten, die den guten Ruf ausmachen und Verlässlichkeit gehört auf jeden Fall mit dazu.

<< Es tut mir leid, andere BewerberInnen konnten die erforderlichen Qualifikationen noch besser erfüllen >>

Hat man das Bewerbungsgespräch und die damit verbundene Wartezeit danach nun gut überstanden, kommt nun hoffentlich eine zeitgerechte Rückmeldung des Recruiters. Nicht immer erfüllt man die Kriterien, die zum gewünschten Job führen, denn dann erhält man – im besten Fall – eine telefonische Absage. Die Reaktionen darauf sind immer sehr unterschiedlich: Da gibt es jene BewerberInnen, die vielleicht schon damit gerechnet haben und gehen sehr pragmatisch damit um. Andere wiederum verstehen die Welt nicht mehr, hatten sich offensichtlich bereits gute Chancen ausgerechnet und bekommen trotzdem keinen Zuschlag. Hier kommt meist die Frage nach Feedback, welche ja grundsätzlich berechtigt ist. Dadurch, dass ich nun die andere Seite, nämlich jene der Unternehmen kenne, verstehe ich auch, warum man meist recht nichtssagende Floskeln als Antwort bekommt. In dieser Situation darf man nicht immer von sich selbst ausgehen, dass man Feedback wertschätzend annimmt, sich selbst reflektiert und dieses nimmt, um an sich selbst weiterzuarbeiten. Es gibt Personen, die – teilt man ihnen ehrliche Gründe mit – sich selbst angegriffen fühlen und es sogar so weit treiben, damit vor Gericht zu gehen. Dies ist mir selbst bislang noch nicht passiert, jedoch habe ich schon von ein paar KollegInnen & FreundInnen gehört, dass sie es getroffen hatte – und dann findet man sich vor Gericht wider, obwohl man doch nur ehrliches Feedback geben wollte.

Tja, auch Recruiter sind nur Menschen, die sich aus gewissen Situationen „elegant“ retten möchten. Welche Floskeln habt ihr schon als Notlügen enttarnen können bzw. sind euch sehr eigenartig vorgekommen? Schreibt mir doch eure Erfahrung im Kommentarfeld unterhalb 🙂

**Ani**

12 thoughts on “My little white lie! Die kleinen Notlügen der Recruiter

  1. Ohhh, das mit „wir melden uns ganz sicher in 2 Wochen“ habe ich leider schon sehr oft gehört und dann aber eben nichts mehr. Finde das schade, weil man ja nicht weiß dauert es nur noch etwas. Ok, mittlerweile weiß ich, ich kann es vergessen. Obwohl, ich habe auch schon ein paar Mal nach 2-4 Monaten noch Absagen bekommen von Jobs wo ich nicht einmal mehr daran gedacht, dass ich mich da beworben habe.

    Was das Feedback betrifft, meistens frag ich nicht nach…. es sei denn man bietet es mir an und ich hab gerade Lust drauf oder ich bekomme von der Jobvermittlung schon zum 20 Mal genau die Gleiche Antwort.

    Fall 1: Bewerbung bei einem Großkonzern, ohne vorher Bescheid zu bekommen erfahre ich Vorort, dass das Gespräch gleichzeitig mit 9 anderen Bewerbern ist und ca. 4h dauert weil wir Tests, Präsentationen, usw. machen müssen. „Wenn Ihnen das nicht passt können wir Sie gleich wieder gehen“ kam als Antwort auf die Frage wieso wir nicht vorab informiert wurden. Na gut, also dann 4h dort verbracht, ein geheucheltes Lob von allen Rekruten und wenn was nicht passt, können wir gerne Feedback bekommen. Es kam nach ca . 2 Monaten die Absage. Also hab ich nach Feedback gefragt – da tat man dann so als ob man mich nicht kennt und der Verantwortliche hatte auch nie Zeit, irgendwann kam was von meine Qualifikation passt nicht (klar, ich hatte ja nur die letzten 5 Jahre davor genau das Gleiche gemacht). Von der Dame der Jobvermittlung – über die ich dorthin gekommen bin – hab ich später dann erfahren, dass wir alle durchgefallen sind weil wir nicht ins Profil passen bzw. einen angeblichen psychologischen Test (wir haben nicht gewußt, dass wir einen gemacht haben) nicht bestanden haben und zwar geschlossen alle die mit mir dort waren.

    Fall 2: Auf gefühlte 100 Bewerbungen immer der Gleiche Text bei der Absage:
    „Wir finden Ihre Qualifikationen sehr interessant. Leider sind wir für diese Position an ein sehr genaues Anforderungsprofil gebunden, dem einige andere Kandidaten/Innen noch genauer entsprechen. Gerne halten wir Ihre Unterlagen jedoch in Evidenz und kontaktieren Sie, sobald sich eine Position ergibt, die Ihren Vorstellungen und Qualifikationen entspricht.“
    Ich weiß es sind Floskeln und ich weiß bei 1000 Absagen kann man nicht immer was anderes schreiben, aber trotzdem kam mir das etwas eigenartig vor. Also hab ich nachgefragt: Woran liegt es? Was kann ich verbessern? Welche Voraussetzungen fehlen mir (wobei ich mich meiner Meinung nach, nur auf Ausschreibungen beworben habe, wo alle angeführten Aufgaben und Voraussetzungen erfüllt wurden) und worauf soll ich achten? Ich dachte dafür hab ich eine Betreuerin dort und mir wurde beim persönlichen Gespräch mit der Dame auch gesagt, dass ich jederzeit Feedback bekomme und Hilfe wenn ich was brauche. Wahrscheinlich auch nur so eine Floskel von ihr „Rufen Sie mich gerne an wenn Sie Fragen haben oder Feedback brauchen“. Tja. das war vor 6 Jahren und bis heute keine Antwort. Ab und zu gab es in der besagten Jobvermittlung interessante Jobs. Wenn ich mich dann durchgerungen hatte, eine Bewerbung zu schicken, rate mal was für eine Mail ich bekommen habe…

    Zum Thema anzeigen/Gericht; Mir würde es eigentlich nie einfallen jemand anzuzeigen wenn ich ehrlich Feedback bekomme. Das ist ja das was ich will und ich kann im Normalfall auch was daraus lernen. Als ich aber einmal von einer Recruterin gehört habe, dass ich zu schirch bin für den Job (Assistentenstelle), ich mich gefälligst schminken soll und besser, in dem Fall teurer, kleiden soll war ich doch etwas sauer. Ich hatte eine schwarze Hose, weiße Bluse und eine schwarze Weste von H&M an. Damals hab ich ehrlich überlegt ob & wo ich mich beschweren kann, hab es dann aber lassen weil ich mir gesagt hab den Ärger ist sie nicht wert.

    1. Hallo Nani!
      Oje, bei dir ist ja einiges schief gelaufen…!! Puh!! Das sind wirklich einige No Go’s dabei – Wahnsinn!

      Speziell zu hören, dass man zu hässlich für einen Job ist, finde ich eine absolute Frechheit!!! Nur verstehe ich auch, dass du dir danach nicht die Mühe machen wolltest, dich zu beschweren.. wobei am besten wäre, einen Tag zu warten, sodass du nicht mehr ganz so aufgeregt bist und dann ein sachliches Mail an die Firma schicken, in dem du deine Meinung kund tust. Glaub mir, danach fühlt man sich auch gleich besser 🙂

      Ich wünsch dir jedenfalls alles Gute und hoffentlich auch weniger solcher wirklich negativen Erfahrungen im Bewerbungsprozess!

  2. Liebe Ani

    Deine Beiträge sind super. Da ich selber eine Weiterbildung begonnen habe, welche u.a. Personalführung beinhaltet, bin ich beim googeln auf deinen Blog gestossen.

    Vieles aus deinen Beiträgen sind für mich super Ergänzungen aus der Praxis zum Lernstoff.

    Mach weiter so. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich per Mail eine Erinnerung erhalte, dass du einen neuen Post veröffentlicht hast:)

    Liebe Grüsse
    Jessie

    1. Hallo liebe Jessie! Oh vielen Dank für das süße Feedback!! Das bedeutet mir echt viel!! Ich gebe mir Mühe weiterhin so interessante Artikel zu verfassen 🙂 Alles Liebe!!

  3. Interessanter Beitrag.
    Mal die andere Sicht zu sehen, in der man eigentlich nie stecken wird (außer in Ausnahmefällen).
    Sehr interessant, gerade weil man selbst in Bewerbungsstress ist.
    Und ich auch von einem Unternehmen ca. 1 Monat noch nichts gehört habe.
    Bei Nachfrage würde es noch einwenig dauern, somit slow down und warten. Was andere fällt mir gerade nicht zu ein.

    LG Vanny ❤

    http://vanessa-may-photography.blogspot.de

    1. Hi Vanny! Ja genau – ist immer gut zu wissen, welche Faktoren hier im Hintergrund noch hineinspielen. Somit muss eine längere Wartezeit nicht immer gleich etwas negatives bedeuten 🙂

  4. Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag.
    Ich finde Berwerbungsgespräche äußerst interessant. Ich liebe sie sogar. Leider suche ich nicht all zu oft einen Job weswegen ich nicht so häufig welche führen kann und im HR Bereich arbeite ich auch nicht.
    Mich fasziniert dabei alles was zwischenmenschlich passiert. Wie einfach es ist das Gespräch durch Fragen (ich meine von Seite des Bewerbers plötzlich zu führen ect).
    Ja mich fasziniert eigentlich alles was zwischenmenschlich passiert – Bewerbungsgespräche – Kundengespräche – Freundschaft und Beziehungen ect. – danke dir für den interessanten Eindruck – lg Melanie – http://www.honigperlen.at

  5. Ich musste mir zum Glück noch keine Notlügen anhören 😉 Aber ich hatte auch nicht viele Bewerbungsgespräche. Bei einem Unternehmen wurde ich zwar in Evidenz gehalten, aber wurde kurz darauf auch verständigt, dass ich die Stelle haben könnte. Und bei einem anderen z.B. haben sie mir Bedenkzeit gegeben, ob ich die Stelle annehmen möchte und haben auf meine Antwort gewartet.

    Aber ich habe auch schon von Freunden/Verwandten ganz andere Sachen gehört.. Vor allem das mit „Wir melden uns nächste Woche bzw. in 2 Wochen“. Das finde ich auch nicht ganz fair von den Firmen, immerhin warten die Bewerber gespannt auf eine Nachricht..

    Ein cooler Beitrag, liebe Ani 🙂

    Alles Liebe,
    Patricia

    1. Ja, da gibt es so einige Geschichten… Das lange warten lassen finde ich auch nicht fair, jedoch wie beschrieben kann kurzfristig etwas oder besser jemand dazwischen funken… Transparenz ist hier das Wichtigste! Alles Liebe

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