#MeToo – Vom Hashtag zum gesellschaftlichen Diskurs

Die Zeitungen und sozialen Netzwerke sind gerade voll von Hashtags, Postings und Kommentaren zum Thema „sexuelle Belästigung“. Die (Verschwörungs)Theorien überschlagen sich und werden sogar am Wochenende bei einem gemütlichen Beisammensein thematisiert. Es scheint als diskutieren alle mit zu diesem Thema – ist doch gut, oder? Naja…

Lange hat mich die Diskussion zum Hashtag #metoo bzw. darauffolgend #notme nicht tangiert. Man muss sich ja nicht in jede Diskussion einmischen und manchmal reicht es auch, wenn sie sich als „Zaungast“ von weiter Ferne aus „ansieht“. Die „Weinstein-Affären“ habe ich lange Zeit gar nicht mitbekommen, zuerst traf mich der Hashtag im Zusammenhang mit einem Posting der österreichischen Schauspielerin Nina Proll, danach in Verbindung mit dem Rücktritt des österreichischen Politikers Peter Pilz. Den Höhepunkt erreichte die Thematik, als wir gemütlich Freitag abends beim Essen mit FreundInnen saßen, die eine Diskussion darüber lostraten. Und ich: Nicht informiert und darüber hinaus hatte ich gar keine Lust auf eine Auseinandersetzung.

Natürlich nagt so etwas an mir und darüber hinaus macht es Facebook unmöglich, den Hashtagkrieg an sich vorüberziehen zu lassen – die Nachrichten und Postings überschlugen sich wahrhaftig! Tja, das Thema sexuelle Belästigung ist wieder im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Die „alte“ Soziologin in mir meldete sich und ich machte mich sogleich an die Recherche: So, um was geht es nun eigentlich hier? Wie hat denn alles begonnen? Und das Wichtigste: Was schreiben denn Frauen und Männer dazu? So eine kleine Recherche gibt immer einen guten Aufschluss darüber, wie die Gesellschaft gerade so tickt, was die gängigen Meinungen sind und wie die Stimmung zu einem Thema ist.

Ich habe herausgefunden, dass der Hashtag bereits seit 10 Jahren existiert. Die „Erfinderin“ und Afroamerikanerin Tarana Burke hat diese Bewegung ins Leben gerufen, da sie damals als Jugendcamp-Leiterin von einem kleinen Mädchen erfuhr, dass sie der Freund ihrer Mutter sexuell missbrauchte. Als diese nach dem Gespräch wiederum zu den anderen Mädchen ging, war sie so schockiert, dass sie nicht mal die Kraft für die Worte „me too“ fand. Dies war der Auslöser für die Bewegung und die Gründung der „Girls for Gender Equity Organisation“. Der Hashtag erlangte nun wiederum Berühmtheit, da die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano via Twitter auf einen länger zurückliegenden Vorfall der sexuellen Belästigung des Regisseurs Weinstein anspielte. Sie rief danach Frauen auf, die selbst Opfer einer sexuellen Belästigung geworden sind sich zu „outen“ und ihr mit „me too“ zu antworten.

Der Diskurs ist in Österreich angekommen

Lange hat es nicht gedauert, da diskutierte Österreich lautstark mit und Nina Proll meldete sich via Facebook zu Wort. Sie trat den Gegenschlag an und konterte mit „notme“, dass Frauen sich nicht immer gleich in eine vermeintliche Opferrolle begeben sollten. Der Höhepunkt war bis dato, dass Anschuldigungen der sexuellen Belästigung beim Politiker Peter Pilz dazu führten, dass er sein Mandat nicht annahm und aus der Partei zurücktrat. Die Kommentare und Meinungen überschlugen sich und gingen fast geschlossen in eine Richtung: Der blöde Feminismus zerstört uns! Spätestens da verschlug es mir meine Sprache. Diese Aussagen lassen sich leider nicht – wie vielleicht vorerst vermutet – auf Männer, die diese Thematik runterspielen möchten, zurückführen. Sie kamen vermehrt von Frauen, die andere Frauen anprangerten, solche Anschuldigungen aus reinem Selbstnutzen und der Selbstoptimierung auszusprechen.

Der Schuldige in diesem gesellschaftlichen Diskurs ist also gefunden: Der Feminismus! Dieser hat uns so weit getrieben, dass wir bereits jedes nett gemeinte Kompliment als sexuelle Belästigung auffassen. NOT! Im Zuge der Recherche habe ich mir wirklich viele Kommentare und Aussagen zu den unterschiedlichsten Artikeln/Postings etc. durchgelesen. Zu Beginn kam ein wenig Wut in mir hoch, dann versuchte ich alles objektiv zu lesen, und schlussendlich machten mich die Worte, die ich da lesen musste doch sehr traurig.

Es macht mich traurig, weil…

… das Wort Feminismus wieder einmal als der Grund des ganzen Übels herhalten muss.

… dieser Diskurs allen Menschen, die sexuelle Belästigung erlebt haben, jeglichen Mut über ihr Leid zu sprechen, genommen hat.

… Frauen andere Frauen für das, was ihnen Wiederfahren ist, selbst die Schuld geben.

… Menschen stilisiert und popularisiert und damit geschützt werden.

… Opfer zu TäterInnen werden und TäterInnen zu Opfern.

… ein wichtiges Thema schnell von einer sachlichen Ebene in jene rutscht, in welcher es nicht mehr ernst genommen und durch „den Kakao gezogen“ wird.

… ich Aussagen lesen musste à la: „Die Oberfeministin kann da ja gar nicht mitreden, die greift sowieso niemand an, so wie die aussieht!“

… Frauen in diesem Diskurs auf ihr stereotypes Rollenbild und ihr Aussehen reduziert werden.

… wir in der Gesellschaft beim Thema Gleichstellung der Geschlechter, sobald wir einen Schritt nach vorne gehen, anschließend gleich zwei wieder zurückgehen.

… wir uns aus den Mini-Fakten, die wir ausgesiebt und zugeschnitten von den jeweiligen Medienformaten bekommen, uns unsere eigene Theorie zusammenschnitzen, die den Opfern recht schnell Selbstoptimierung und Selbstzweck unterstellt.

… schnell vergessen wird, dass wir ohne „Feminismus“ nicht jene „Privilegien“, also Gleichstellungen, genießen könnten, die im Grunde ganz selbstverständlich sind und auch sein sollten (Wahlrecht, Zugang zu Bildung etc.).

… die Tatsache verdrängt wird, dass FeministInnen auch Männer sind, die sich für die Gleichstellung beider Geschlechter aussprechen.

… die Grenze zu sexueller Belästigung ins Lächerliche gezogen wird.

… ich das Gefühl habe, dass sich Frauen untereinander nur wenig solidarisieren und die Argumente dagegen männlich ausgeprägt sind, da sie immer wieder auf das Aussehen abzielen.

… es immer wieder Frauen gibt, die einen feministischen Diskurs, der Frauen eine Stimme geben und eine Hilfe zum Empowerment sein soll, für Lügen und Machtvorteile ausnutzen.

… vergessen wird, dass sexuelle Belästigung von beiden Geschlechtern ausgehen kann – aufgrund der derzeitigen gesellschaftlichen Strukturen, den stereotypen klassischen Rollenbildern und dem meist männlichen Machtgefüge, geht diese aber häufiger von Männern aus.

… sexuelle Belästigung und sexueller Missbrauch anscheinend erst soweit definiert und abgegrenzt werden müssen, sodass für alle Menschen klar ist, wo das eine anfängt und das andere aufhört.

… wir alle (Frauen und Männer) uns nicht gemeinsam gegen Menschen, die nicht vor sexuellem Missbrauch und Belästigung zurückschrecken, solidarisieren.

… nicht klar ist, dass die Ausübung von sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauchen von wem auch immer ein absolutes NO GO ist und kein „Kavaliersdelikt“.

**Ani**

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