Professionalität re-newed: MitarbeiterInnen dürfen Gefühle haben und auch zeigen!

“In der Arbeitswelt gibt es keinen Platz für persönliche Befindlichkeiten, Emotionen oder Gefühle!” Habt ihr diesen Satz auch schon so oft gehört wie ich? Ich meine: Ab in den Mistkübel und weg mit dieser uralt-Einstellung der 70er Jahre!

Es ist ein recht altes Konzept, jenes, wo verlangt wird, dass man zur Arbeit kommt, die aufgetragenen Dinge erledigt und dann wieder nach Hause fährt um das eigentliche Leben zu leben. Professionalität wurde damals mit Emotionslosigkeit gleichgesetzt, denn es ging ja schließlich um Zahlen, Daten, Fakten – um die Wirtschaftlichkeit. Man musste alles nüchtern und objektiv betrachten, denn es war nur eines wichtig: Der Erfolg des Unternehmens. Damit dieser sichergestellt wurde hieß es: ja nicht auffallen, brav einordnen und anpassen. Persönliche Befindlichkeiten, Sorgen etc. mussten ohne Frage hinten an gestellt werden, denn der professionelle Schein musste doch gewahrt werden. Natürlich ist dies ganze nun sehr überspitzt formuliert, doch haben noch sehr viele Firmen, Menschen etc. genau diese Einstellung mit in unsere Neuzeit genommen. Dies ist also kein altes Relikt, welches durch Globalisierung, Digitalisierung und all dem, was bis dato passiert ist, bereits abgeschafft wurde. Es geistert noch sehr vehement herum, speziell in uns selbst!

Ein Arbeitstag wieder jeder andere – fast, denn an diesem Tag kam einfach sehr viel zusammen: schlechte Laune, viel Druck durch das Studium und noch mehr Druck vom Vorgesetzten, der teilweise so unkonkrete Dinge von mir verlangte, die in kürzester Zeit zu erledigen waren. Da saß ich nun, in meinem kleinen Büro und die Tränen kullerten mir über die Wange. Es war in diesem Moment einfach zu viel. Dieses schwere Gefühl bahnte sich den Weg durch meinen ganze Körper und fand schließlich den Ausgang in Form von vielen bitteren Tränen. In diesem Moment dachte ich mir nur: “Hoffentlich geht jetzt nicht meine Tür auf und irgendjemand sieht mich hier sitzen und heulen!” Denn das wäre für mich damals unvorstellbar gewesen, dass mich jemand so fertig und betröppelt vorfindet. Mein Gefühl verschob sich daraufhin langsam in Richtung Peinlichkeit, dass ich eben hier sitze und rumheule. Die ursprüngliche Überforderung, die diesen Gefühlsausbruch erst ausgelöst hatte, war somit verschwunden.

 

“… es gab mir einen Stich in mein Herz!”

Dieses Erlebnis ist zum Glück schon Jahre her, doch ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, denn es war das erste Mal, dass mir so etwas “passiert” ist. Davor hatte ich noch nie einen so großen Gefühlsausbruch am Arbeitsplatz. Schlimm ist nur, dass ich mich damals so dafür geschämt hatte (obwohl es eben niemand mitbekam), dass schlussendlich das Schamgefühl überwog. Die Überforderung, die diese Gefühle erst ausgelöst hatte, war schnell vergessen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann kommt mir nur in den Sinn, dass dies eine Reaktion auf ein veraltetes Bild von Professionalität war. Wir wissen bereits alle, dass neben ihrer Menschlichkeit auch eine reinigende Wirkung haben und dass ein Unterdrückung dieser zu ganz anderen Dingen führen kann. Gefühle sind eben da, und sollten sie aus irgendeinem Grund verdrängt werden, suchen sie sich eben zu einem anderen Zeitpunkt ihren Weg, um wieder präsent zu werden. Damit meine ich nicht, dass man überhaupt auf Professionalität verzichtet und all seinen Emotionen freien Lauf lassen sollte. Ich meine nur, dass Gefühle in gewissen Situationen “normal” sind und auch zum Business dazugehören. Ist man emphatisch veranlagt, so kann man beispielsweise die eigene Verhandlungsstrategie danach auslegen und in diesen Situation durch Einschätzung der Stimmung/Körpersprache etc. die Verhandlung für sich gewinnen.

Neben der Professionalität, die man trotz alledem immer berücksichtigen sollte, darf man auch die Höflichkeit nicht außer Acht lassen. Menschen zu beschimpfen, Herumschreien und hysterische bzw. cholerische Anfälle müssen nicht sein. Die gute Erziehung, mit all den Werten, Do’s and Dont’s, gilt also nicht zu vergessen. Die Vorgesetzten und KollegInnen werden am nächsten Tag auch noch da sein und man sollte diesen auf jeden Fall noch in die Augen schauen können! Ein großer Mythos liegt auch noch auf dem Bewerbungsgespräch, wo uns auch immer wieder eingetrichtert wird, dass hier Gefühle überhaupt keinen Platz haben. Ich führte einmal ein Gespräch mit einer Frau, die eine recht lange Lücke im Lebenslauf hatte, die sie darin nicht erklärte. Natürlich fragte ich nach, denn ich wollte wissen, warum sie für ein paar Jahre keiner Beschäftigung nachging. Obwohl diese Vorgangsweise üblich war und sie sich eigentlich im Vorfeld darauf einstellen konnte, hierauf angesprochen zu werden, fiel sie sichtlich aus allen Wolken. Ihr schossen auf einmal Tränen in die Augen und schluchzte, dass sie in diesen Jahren ihre kranke Mutter pflegte, die aber schlussendlich nach langer schwerer Krankheit verstarb. Auch mir gab es einen Stich in mein Herz, denn auch als Recruiter gehen diese Geschichten nicht so einfach an mir vorbei. Ich sprach ihr mein Beileid aus und reichte ihr ein Taschentuch.

Dieses Verhalten wird nicht als “unprofessionell” oder “instabil” eingestuft, sondern ist aufgrund der Hintergrundgeschichte einfach nur menschlich! Jede/r von uns, der/die bereits eine geliebte Person verloren hat, kann dies nachvollziehen und leidet auf eine gewisse Art und Weise mit. Auch im Kontext eines Bewerbungsgespräches oder im Arbeitsleben selbst, ist es wichtig, derartige Gefühle zu zeigen und sich nicht dafür zu schämen. Es macht uns sympathisch und auch menschlich, denn das ist es, was wir sind: Menschen – und eben keine Roboter oder Maschinen!

**Ani**

2 Comments

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Anna Mariareply
February 19 at 07:02 PM

Ich kenne dieses Gefühl & mir ist es mehr als 1x passiert. Aber es hat auch etwas Gutes: Man bemerkt, dass die Zeit für Veränderung da ist und man etwas ändern MUSS, damit es besser werden KANN!

Anireply
February 25 at 02:02 PM
– In reply to: Anna Maria

Da geb ich dir vollkommen recht liebe Anna Maria! Jede Situation birgt auch etwas gutes in sich, obwohl man es nicht gleich bemerkt. Manchmal müssen Veränderungen auch damit “herbei gezwungen” werden…

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