Frauen mit Migrationshintergrund: Das verkannte Potential einer unsichtbaren Zielgruppe

Rum um den Weltfrauentag letzte Woche, gab es viel mediale Aufmerksamkeit. Viele zeigten sich pro Frauen, standen für Gleichberechtigung und stellten sich gegen den Chauvinismus. Gut so, sollte man meinen! Doch die Realität und das gesprochene oder geschriebene Wort müssen nicht immer zusammenpassen – so wie leider auch in diesem Fall…

7. März 2018, einen Tag vor dem Weltfrauentag fand in Wien im Rahmen des Business Riot Festivals ein Event mit dem spannenden Titel “Female Future Talents” statt. Meine Kollegin und ich meldeten uns dazu an und waren schon sehr gespannt auf neue Inputs, neue Trends, neue Richtungen – einfach neue Inspiration, die wir für unsere Arbeit in der Personalentwicklung bzw. auch für uns selbst nutzen könnten. In dem kleinen Raum mit der noch kleineren Bühne, befanden sich insgesamt 6 Frauen inklusive der Moderatorin: eine Frau aus dem Personalbereich, eine Führungskraft, eine Geschäftsführerin, die sich mit ihrem Unternehmen sehr für Frauenförderung einsetzt und 2 Frauen mit Migrationshintergrund, die über ihre Fähigkeiten sprachen und die Probleme hinsichtlich ihrer Jobsuche. Eine bunte Runde also  – gut so, denn die Perspektivenvielfalt zu diesem Thema ist immer sehr wichtig. Die Veranstaltung startete mit einer kleinen Aufgabe an das Publikum, in dem natürlich mehrheitlich Frauen teilnahmen, nämlich VERNETZEN. Miteinander reden und auf neue Gesichter zugehen fällt manchen Frauen immer noch sehr schwer, weshalb dieser Rahmen dazu geschaffen wurde. Es galt mit 3 Frauen, die vor oder neben einem standen, in insgesamt 9 Minuten über diese und sich selbst zu sprechen und sich dabei zu vernetzen – eine Art Speed Networking also. Ich selbst war über diese Art von Zwangsbeglückung nicht sehr erfreut, doch ich kann schon verstehen, dass sich viele so leichter tun auf andere zuzugehen, weshalb ich auch brav an dieser Übung teilnahm.

 

Wir sind gefangen …

Danach kamen nun endlich die Frauen auf der Bühne zu Wort, und schon nach den ersten paar Minuten schlug das Thema, welches ja auf die Future Talents eingehen sollte, wieder in die selbe Kerbe in die ein Frauenthema immer schlägt: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie! Teilzeitarbeit, flexible Arbeitszeitmodelle uvm. Ich dachte mir nur: “Nicht schon wieder!”, da Frauen auch viele andere wichtige Themen ausmachen, als die Vereinbarkeit, mit der sie größtenteils zu kämpfen haben, weshalb ich das Thema nicht ganz absprechen möchte. Es gibt aber Frauen, die keiner Teilzeitarbeit nachgehen, vielleicht auch keine Kinder bekommen möchten und sich voll und ganz auf ihre Karriere konzentrieren möchten, was genauso Berechtigung hat. Was mich aber besonders geärgert hatte, war nicht nur, dass im Zuge eines Frauenthemas alles wiederum nur auf die Vereinbarkeit reduziert wurde, sondern auch, dass es wiederum den Charakter einer besseren Selbsthilfegruppe hatte. Hochqualifzierte Frauen sprechen über Themen die sie bewegen, die in der Gesellschaft verkannt sind, decken Ungleichheiten auf und plädieren darauf, dass sie sich doch gegenseitig unterstützen sollen. Und was kommt danach heraus: nichts, oder nur sehr wenig. Die Wege aller trennten sich nach dem Event, die Eindrücke und Diskussionen verblassten langsam, und man kehrt in den Alltag zurück und ärgert sich weiter über alle Ungerechtigkeiten. Wir sind gefangen, gefangen in der Endlosschleife unserer Misere.

Nach einer angeregten Diskussion kamen aber endlich die beiden Frauen mit Migrationshintergrund zu Wort. Eine Frau, die studierte Netzwerktechnikerin und vor 3 Jahren aus Persien nach Österreich gekommen war, erzählte in gebrochenem, aber schon sehr gutem Deutsch ihre Geschichte und dass sie schon sehr lange auf Jobsuche ist. Die andere Frau, eine gebürtige Iranerin, die jahrelang im IT-Projektmanagement und als Programmiererin arbeitete, erzählte ebenfalls, jedoch auf Englisch von ihren Fähigkeiten und den Schwierigkeiten bei der Jobsuche. Wie die beiden so erzählten, tat sich ein Paradoxon, also ein Widerspruch, in meinem Kopf auf: In den meisten Personalabteilungen sind Frauen beschäftigt. Es sind auch meist Frauen, die das Recruiting oder zumindest eine Vorauswahl der BewerberInnen treffen. Man sollte doch meinen, dass Frauen zusammenhalten – schon alleine nach all den großen Predigten, die durch alle Kanäle tönen. Und trotzdem haben Frauen es immer noch schwerer einen Job zu finden, speziell jene mit Migrationshintergrund, und verdienen dabei noch weniger für die selbe Leistung, vorausgesetzt sie haben das Glück, eingestellt zu werden. Hm?! Ich reflektierte, wie ich dieses Thema in der Vergangenheit behandelt hatte. Dabei fiel mir auf, dass ich damit noch nie konfrontiert war. Mir persönlich war es nicht wichtig, ob ein Mann oder eine Frau die Position bekommt, denn es zählten Motivation, Persönlichkeit und Leistungsbereitschaft – nicht das Geschlecht.

 

Die verkannten Talente …

In den letzten Jahren meiner Tätigkeit im Recruiting, war ich kaum oder gar nicht mit gut ausgebildeten Frauen mit Migrationshintergrund konfrontiert. Ich erhielt einfach keine Bewerbungen von dieser Zielgruppe. Wie kann dies sein? Was war passiert, dass ich in den Stellenausschreibungen genau diese Zielgruppe nicht ansprechen konnte bzw. dass sich diese nicht angesprochen fühlten. Unternehmen investieren bereits sehr viel Zeit und Geld in gutes Employer Branding und Recruiting von Talenten. Meist liegt der Fokus hier auf SchülerInnen oder StudentInnen: Es wird versucht, bereits während der Ausbildungsphase eine Art “Beziehung” zu diesen aufzubauen, sodass der Weg von der Ausbildung direkt an den Arbeitsplatz gut erfolgen kann und man sich als ArbeitgeberIn bereits vorab die “Potentiale” gesichert hatte. Dieser Weg wurde und wird von den meisten Unternehmen verfolgt, doch dabei hat man anscheinend die Zielgruppe der Frauen mit Migrationshintergrund vergessen bzw. nicht im Fokus. Hier liegt großes Potential von motivierten Frauen einfach brach, aufgrund von Nicht-Wissen, Vorurteilen oder was weiß ich. Frauen, die bereits verzweifelt einen guten Job suchen, bei dem sie ihr Wissen, ihre Energie und ihr Engagement einbringen können und die dankbar für jede Chance sind. Dass viele von ihnen besser Englisch sprechen als Deutsch, dürfte doch in Zeiten der Globalisierung auch kein Problem darstellen.

Auf der anderen Seite muss aber fairerweise auch gesagt werden, dass die Aufnahme von nicht-österreichischen StaatsbürgerInnen in Österreich auch nicht zu den unkompliziertesten Aufgaben zählt. Das AMS hat hier sehr strenge Auflagen und prüft genau, warum man sich als Unternehmen für jemanden entschieden hat, der keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzt. Einerseits gut, da auch der Schutz vor dem Ausnützen gegeben ist, andererseits jene Unternehmen einschränkt, die auf eine faire Behandlung und Aufnahme aus sind. Nichts desto trotz liegt hier großes Potential brach, welches so noch in fast keinem Fokus der Unternehmen ist.

Frauen gehören nicht nur am Weltfrauentag, also einmal im Jahr gewürdigt, sondern jeden Tag – und dies egal aus welchem Land sie kommen!

**Ani**

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