Arbeiten wir zu viel? #Der12StundenTag

Letzten Samstag sind zehntausende Menschen in Wien auf die Straße gegangen und haben gegen die Anhebung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit auf 12 Stunden pro Tag demonstriert. Diese Gesetzesänderung ist ein sehr kontroverses Thema, welches uns bereits seit Wochen beschäftigt und uns in den Medien verfolgt. Es gibt unterschiedliche Argumente dafür und dagegen, wobei es auch unweigerlich die Frage aufwirft: Arbeiten wir zu viel?

 

Die 12-Stunden Flexibilisierung?

Seit den letzten Wochen kochen die Emotionen hoch! Die neue Regierung plant die Anhebung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit auf 12 Stunden pro Tag – davor waren nur 10 Stunden pro Tag möglich. Warum hat sie sich zu diesen Schritt bekannt: Flexibilisierung und somit bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – so die Argumente aus der Politik. Tja, das Problem ist, dass sich dies nur niemand vorstellen kann: Ich soll mehr arbeiten und dies soll dazu führen, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen kann? Hm?! Dies ist eigentlich ein Widerspruch in sich! Im weitesten Sinne kann ich eine mögliche Flexibilisierung schon nachvollziehen, doch führt eine alleinige Anhebung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit nicht dazu. Hier muss noch an vielen anderen Schrauben gedreht werden, um dorthin zu gelangen. Die allerschwierigste Schraube, die sich nur kaum bewegt ist jene der Kultur: Es bedarf eines Kulturwandels in unserer Gesellschaft, sodass man mit dieser Flexibilisierung so umgehen kann, dass ein Mehrwert für alle arbeitenden Menschen erkennbar ist. Weiters lassen sich auch nicht alle Berufe/Branchen etc. in eine Schüssel schmeißen und eine Gesetzesänderung drüberstreuen, sodass man die gewünschte Flexibilisierung herausschmecken kann.

 

Die Tücken der Flexibilisierung!

Wie für jedes Thema gibt es auch hier Argumente, die dafür und welche, die dagegen sprechen. Manchen wird diese Gesetzesänderung gar nicht auffallen: Jene, die als ExpertIn oder Führungskraft einen All In Vertrag haben, wird das Thema nur am Rande tangieren. Wahrscheinlich sind diese eher positiv gestimmt, da alle Stunden, die sie über die derzeitige Grenze von 10 Stunden leisten, künftig mitgerechnet werden und somit auf dem Zeitnachweis aufscheinen, obwohl sie durch den den All In Vertrag nicht abgegolten werden. Doch wen trifft diese neue Regelung dann? Leider werden die Leidtragenden jene sein, die jetzt schon wenig verdienen und somit auf ihre geleisteten Überstunden angewiesen sind, da sie einen beträchtlichen Gehaltsbestandteil ausmachen. Sie werden den Druck noch mehr zu spüren bekommen, und ob ihnen die Überstundenzuschläge so bleiben wie bisher, steht auch in den Sternen. Ein Argument ist, dass durch diese Regelung “die Spitzen” im Betrieb besser abgedeckt werden können. Wenn die MitarbeiterInnen nun künftig bis zu 12 Stunden am Tag arbeiten können, dann ist es möglich, dass sie sich diese Stunden ausbezahlen lassen oder als Zeitausgleich konsumieren können. Soweit so gut. Ich sehe in diesen Ausführungen nur 2 Tücken: Einerseits aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und der aufgrund der Wirtschaftslage notwendigen Effizienz- und Einsparungsprogramme, wird das, was wir als “Spitzenauslastung” kennen, zum Alltag werden: Mehr Aufträge und weniger Ressourcen, also Arbeitskraft, welche vorhanden ist, führt zu überhöhter Arbeitslast. Es darf also diese anscheinende Flexibilisierung nicht so ausarten, dass sogar mehr gearbeitet wird und die Überstunden nicht mehr als Zeit konsumiert werden können. Für manche mag es ja verlockend sein, sich diese Stunden auszahlen zu lassen, doch muss man diesbezüglich auch an die langfristigen Folgen denken.

 

Arbeiten wir zu viel?

Andererseits und auf lange Sicht gesehen, führt eine hohe Belastung nämlich zu psychischen und physischen Beeinträchtigungen, was bedeutet, dass die Krankenstandstage ansteigen werden. Beides, also hohe Krankenstände und viele Überstunden werden Mensch und Unternehmen nicht lange tragen können. Nur an dieser einen Schraube zu drehen, würde also in eine klassische lose-lose Situation führen. Es braucht dazu weitere Regelwerke, die darauf abzielen, diese Flexibilisierung herbeizuführen und die auf die langfristige Erhaltung der Arbeitsfähigkeit der Menschen abzielt. Es muss künftig auch wieder machbar sein, mehr Arbeitskräfte aufzunehmen, um Aufträge abzuarbeiten. Mit der steigenden Digitalisierung werden unsere Jobs immer komplexer, da die “leichten Routinetätigkeiten” ja zunehmend von Maschinen übernommen werden. Es kann nicht sein, dass die Anforderungen, der Druck, die Auslastung und zu guter Letzt auch noch die Arbeitszeit steigt. Was am Schluss dabei rauskommt, kann sich jede/r von uns selbst ausrechnen und dies kann nicht die Lösung für eine gut funktionierende Gesellschaft bzw. Wirtschaft sein. Viele meinen immer noch, dass wir zu wenig arbeiten – ich stelle die Frage: Arbeiten wir zu viel? Es gibt bereits Unternehmen, die den 6-Stunden-Tag eingeführt haben. Kurzfristig haben diese natürlich einen Kostenanstieg zu verzeichnen, da diese mehr MitarbeiterInnen anstellen müssen, um alles abdecken zu können. Im Gegenzug dazu, sparen sie jedoch auf lange Sicht, da diese ausgeruhter, ausgeglichener und somit produktiver sind. Auch die Fluktuationskosten sinken, da zufriedene MitarbeiterInnen wenig Ambitionen haben, ihren Job zu wechseln.

Jedes Unternehmen muss künftig für sich selbst entscheiden, wie ihre langfristige MitarbeiterInnen-Strategie aussieht und wie sie die aktuellen gesetzlichen Änderungen für sich zu Nutze machen kann. Jede Veränderung ist nicht ausschließlich negativ oder positiv zu sehen – es kommt immer darauf an, was die Betroffenen daraus machen und ob sie es zum Vor- oder zum Nachteil nutzen.

**Ani**

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