Bewerbungsschreiben? So oldschool …

Nicht nur die Debatte um die Anhebung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit war in den letzten Wochen stark in den sozialen Medien vertreten, sondern auch jene um die Aktualität des Bewerbungsschreibens, auch Motivationsschreiben genannt. Die Umfragen, welche beispielsweise auf Facebook dazu gemacht wurden, zeigten, dass viele Firmen sich dieses immer noch wünschen. In der heutigen Zeit, wo jedes Unternehmen um die Talente der Zukunft kämpft und sich mit der “New Work” beschäftigt, stellt sich aber doch unweigerlich die Frage: Ist es nicht zu oldschool und doch ein Auslaufmodell?

 

Es sind die Kleinigkeiten …

In einer Zeit in der die ArbeitgeberInnen-Attraktivität ganz groß geschrieben wird und alle Unternehmen ihre Kreativitätsschublade öffnen und versuchen viele innovative Goodies hervorzuzaubern, ist es nicht leicht Talente für sich zu gewinnen und dann noch zu halten. Dabei ist es ja witzig zuzusehen, bei diesem sogenannten “War for Talents”: Die ganz Großen, wie beispielsweise Google oder Spotify werden dann als Vorbilder herangezogen und es wird versucht, sich ein paar innovative Incentives abzuschauen. Dabei beginnt doch alles mit einem Blick auf die Homepage eines Unternehmens. Die Karriereseite ist hier das ultimative Aushängeschild und sollte potentielle BewerberInnen positiv ansprechen und nicht verjagen. Zweitens ist der gesamte Bewerbungsprozess ein ganz wichtiger Punkt, der auch sehr viel über das Unternehmen an sich aussagt. Genau hier helfen keine schönen bunten Bilder und tolle Sprüche, denn genau hier beginnen die ersten Kontaktpunkte zum/zur potentiellen ArbeitgeberIn. Es sind die Kleinigkeiten, die hier über ein positives oder negatives Gefühl sehr viel entscheiden können. Dies beginnt meist beim Klick auf den Button “Jetzt bewerben” – die kommenden Minuten tragen dazu bei, den Prozess überhaupt zu beenden oder eben nicht.

 

… die Motivation jedesmal aufs Neue beschreiben

In meinen damaligen Bewerbungsprozessen war dieser Klick der ausschlaggebende Punkt: Alles was ab diesem Zeitpunkt passiert, setzte ich sogleich mit dem Unternehmen in Verbindung. Ich war hier immer sehr sensibel und habe auf alle Kleinigkeiten geachtet – vielleicht auch deshalb, weil ich ja selbst im Personalbereich tätig war. Da war die Usability, also wie gut ich mich auf der Seite zurechtfinde und wie schnell ich zu den Informationen komme, sehr wichtig. Weiters war da natürlich auch der Bewerbungsprozess: Muss ich alle persönlichen Daten und Informationen nochmals händisch einklopfen, werde ich von gefühlten 100 Seiten aufgehalten, bevor ich diesen abschließen kann und welche Dokumente waren mit einem kleinen roten Sternchen gekennzeichnet, jene, die ich als hochladen musste. Bei alle Unternehmen, bei denen ich mich jemals beworben hatte, war der Lebenslauf, das Motivationsschreiben und die wichtigsten Zeugnisse mit einem solchen gekennzeichnet. Gut, der Lebenslauf und die Zeugnisse waren nicht das Problem, da ich dies standardisiert abgespeichert hatte, aber das Bewerbungsschreiben natürlich nicht. Dies hieß, dass ich bei jeder Bewerbung meine “Motivation” neu beschreiben musste, natürlich abgestimmt auf den Aufgabenbereich und das Unternehmen als Ganzes. Damals war ich einfach nur genervt davon, aber ja, wenn es nicht anders möglich, dann wurde auch dies erledigt. Ich machte mir auch die Mühe und schrieb ganze Passagen um, sodass dies wirklich auf mein Wunschunternehmen hin zugeschnitten war.

 

Was soll ein Bewerbungsschreiben eigentlich aussagen?

Dadurch, dass ich ja nun jahrelang “die andere Seite” kennengelernt hatte und weiß, worauf zu achten ist, kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass das Bewerbungsschreiben ein “nice to have” ist, es aber nicht über die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch entscheidet. Noch vor ein paar Jahren, wo man sich als Recruiter vor lauter Bewerbungen gar nicht mehr retten konnte, betreute ich Positionen, worauf sich mind. 200 interessierte Menschen bewarben. Zu Beginn studierte ich die Unterlagen alle noch sehr genau und las mir auch jedes Bewerbungsschreiben bis zum Ende durch, doch als ich bemerkte, dass dies nicht effizient war, las ich mir diese nur mehr sporadisch durch. Bis heute habe ich mir dies beibehalten, da ein solches leider fast nichts aussagt. Es hilft mir einfach gesagt nicht, als Recruiter über eine/n KandidatIn zu entscheiden. Viel wichtiger ist der Lebenslauf, da ich hier alle gewünschten Informationen, wie Ausbildung, Erfahrungen, Interessen etc. finde. Im Motivationsschreiben lässt sich schnell mal beschreiben, dass jemand teamorientiert arbeitet und flexibel, motiviert, selbstständig sowie hilfsbereit ist. Dies sind für mich leider leere Worthülsen, die in fast jedem Dokument zu finden sind. Genau diese Charakterzüge werden im persönlichen Gespräch durch bestimmte Fragetechniken herausgekitzelt – am besten so, dass dies nicht allzu offensichtlich ist. Kein Bewerbungsschreiben kann mir diese Arbeit abnehmen.

 

Too oldschool für the “New Work” decade?

Eigentlich hat es ja recht lange gedauert, bis die Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Bewerbungsschreibens aufgekommen ist, speziell wenn alle von der sogenannten “New Work” sprechen, in der alles digitaler und flexibler, kurz gesagt einfacher ablaufen soll. Mir war dies bereits bei meiner ersten Bewerbung klar, da es mich einfach nur nervte die Zeit dafür zu investieren. Aber ja, Vorgabe war eben Vorgabe. Meiner Meinung nach wird sich der klassische Bewerbungsprozess, so wie wir ihn gerade erleben, die kommenden Jahre stark verändern. Ich denke auch, dass das Berufsbild “Recruiter” gänzlich verschwinden wird: Einerseits aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung, da die Technik immer “intelligenter” wird (Stichwort: Artificial Intelligence), andererseits auch, weil der Kampf um die passenden Talente immer härter wird und sich künftig die Fachabteilung durch Netzwerke und persönliche Ansprache auf fachlicher Augenhöhe ihre MitarbeiterInnen selbst sucht. Die Personalabteilung wird hier stark als Schnittstelle arbeiten müssen und sich dementsprechend um die gesetzlich-korrekte Abwicklung der Anliegen kümmern müssen. Ich bin mir bewusst, dass dies bereits ein weiter Blick in die Zukunft ist, aber wer weiß, vielleicht erleben wir dies bereits in der näheren Zukunft. Unter diesem Gesichtspunkt wird auch das Bewerbungsschreiben obsolet, da der Druck, der bereits jetzt schon auf den Firmen liegt, damit noch steigen wird.

 

Ich bin mir nicht sicher, wie viele Recruiter sich derzeit überhaupt noch Bewerbungsschreiben durchlesen bzw. was sie daraus schließen und wie sie weiterführend mit diesen Informationen umgehen. Deshalb meine ich schon jetzt: Weg damit!

 

**Ani**

 

PS: Was sind eure Erfahrungen mit Bewerbungsschreiben und was meint ihr dazu: sinnvoll oder too oldschool? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar 🙂

2 Comments

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Lisa Huberreply
July 09 at 11:07 AM

Die Bewerbungsschreiben sind wie Sie sagen zum Teil sehr ähnlich – dennoch gibt es auch Ausnahmen, die doch den Eindruck der Bewerbung sehr beeinflusst haben. Zwei Beispiele dazu:
Ein Bewerber hatte sich eben genau diese leeren „Worthülsen“ vorgeknöpft und diese mit einem sehr modernen ehrlichen Stil versucht auf sich zu projizieren. Schon alleine deshalb war ich sehr interessiert wie der Bewerber sich im Gespräch schlagen würde. Ein anderes Beispiel – dieser Bewerber hattte das falsche Anschreiben angefügt – somit wollte er lieber bei der anderen Firma arbeiten, für die das Anschreiben bestimmt war und hatte unsere Firma mit keinem Wort erwähnt . Ich lege genau wie Sie das Bewerbungsschreiben nicht als Grundlage für eine Einladung zum Gespräch fest – dennoch zeigen die Beispiele, dass es doch manchmal das Zünglein an der Waage ist.

Anireply
July 09 at 04:07 PM
– In reply to: Lisa Huber

Hallo Lisa! Ein guter Ansatz und danke für deinen Kommentar. Ich glaube aber, dass sich “die Spreu vom Weizen” in Zukunft noch mehr trennen wird, also das man sich anhand der Ausbildungen und Kompetenzen bereits ein gutes Bild machen kann und somit das Bewerbungsschreiben überflüssig macht. Speziell wenn ich versuche die guten KandidatInnen anzusprechen, muss ich es ihnen so unkompliziert wie möglich machen. Aber ja, es bleibt spannend 🙂 Mal sehen, was uns die Zukunft noch so alles bringt … Alles Liebe, Ani

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