Die Angst davor, ersetzt zu werden

“Bin ich die nächste?” Ich kann mich derzeit echt glücklich schätzen in einem äußerst positiven und respektvollen Arbeitsumfeld zu arbeiten. Dies war nicht immer so, denn als damals die Wirtschaftskrise auch in Österreich ankam, steckte ich gerade mitten in meinem ersten Vollzeitjob. Der Rotstift wurde angesetzt und eine große Kündigungswelle war im Anmarsch. “Jede/r ist ersetzbar” war plötzlich kein flapsiger Spruch mehr, sondern spürbare Realität und damit kam auch die Angst – die Angst davor, ersetzt zu werden …

 

2009 – die Wirtschaftskrise traf auch mich!

Wir schreiben das Jahr 2009. Die Wirtschaftskrise hat bereits ihre Kreise in der österreichischen Wirtschaft gezogen und ließ die positive Aufbruchsstimmung kippen. Diese Zeit war geprägt von einer Angstkultur in den meisten Unternehmen, da große und lukrative Aufträge wegbrachen und plötzlich der Rotstift angesetzt werden musste, um so das Fortbestehen zu sichern. Die erste Sparmaßnahme, die auch hier zu tragen kam war Personalabbau. MitarbeiterInnen sind eine wertvolle, aber auch zumal die teuerste Ressource, die in Krisenzeiten leider immer zu allererst gekürzt wird. Das weiß man, das wissen alle. Gibt es sogenannte Kündigungswellen, dann geht dies nicht spurlos an der Kultur einer Organisation vorbei. Werden auf einmal langjährige KollegInnen gekündigt oder mit einem “Golden-Handshake” verabschiedet, dann stößt dies nicht immer auf das Verständnis aller anderen – alle, die ja weiterhin im Unternehmen verbleiben und motiviert ihre Tätigkeiten verrichten sollen. Ich selbst war damals in einer solchen Organisation tätig, die kräftig den Rotstift ansetzte – und zwar quer durch alle Hierarchien. Den Beginn machte die Management-Ebene, die nach und nach komplett ausgetauscht wurde. Am Freitag beispielsweise verabschiedete sich meine Führungskraft von unserem Team, selbst geschockt und mit Tränen in den Augen. Montags saß schon jemand neuer auf ihren Platz und stellte sich uns als unser neuer Chef vor. Fast zeitgleich wurden auch hier und dort KollegInnen aus den verschiedensten Abteilungen aufgrund von Einsparungsmaßnahmen gekündigt. Was blieb war die Angst, die sich bei allen anderen wie ein gefährlicher Virus breit machte.

 

… und plötzlich steht man ohne Job, ohne KollegInnen, ohne Arbeitsumfeld da!

Es war mein erster Job, den ich Vollzeit ausübte und in den ich natürlich alle Hoffnung und Ambition gesetzt hatte. Den 1. Job vergisst man nie, genauso wie den 1. Arbeitstag. Dieser bleibt im Gedächtnis haften, wie ein Post It auf den noch etliche To Do’s stehen und man es deswegen nicht wegwerfen kann. Ich wollte mein Bestes geben, endlich zeigen können, was ich kann – oder auch nicht, denn nach Abschluss eines Studiums fühlt man sich eher so, als hätte man die letzten Jahre gar nichts “für’s Leben” gelernt. Dies tat ich auch so gut es geht und ging jeden Tag voller Elan und natürlich mit einer großen Portion Naivität zur Arbeit. Ich verstand mich auf Anhieb mit meinen KollegInnen, knüpfte Kontakte und bekam von Tag zu Tag immer neue Aufgaben übertragen. Kurz um: ich war stolz gleich nach dem Studium einen Job in einem Bereich gefunden zu haben, in den ich schon immer arbeiten wollte. Doch plötzlich – gefühlt von heute auf morgen – ging es mit den Kündigungswellen los und ich bekam hautnah mit, wie Menschen, die ihren Job bereits jahrelang ausübten, auf einmal gehen mussten. Auch, dass dies nicht immer fair war und oft mit viel Schmerz und Leid verbunden war, ging nicht an mir vorüber. Schon früh machte sich ein neues Gefühl in mir breit: Die Angst davor, ersetzt zu werden. Ich erlebte auf einmal wie leicht es war, den heißgeliebten Job zu verlieren und fortan ohne Tätigkeiten und Aufgaben dazustehen – ohne KollegInnen, ohne Arbeitsumfeld. Ich erlebte, wie eine solche Maßnahme es schaffte, das Arbeitsklima wie eine Seuche zu vergiften und zu überfluten. Am Monatsende, wo es eben aufgrund von Kündigungsfristen häufiger zu solchen kommt, wurden bereits “Witze” gerissen, wer nun als nächstes dran war oder jene wie: “Oh, nächste Woche haben wir ja bereits den 31., ich glaub ich muss mir noch schnell Urlaub nehmen!”

 

“Jetzt ist es so weit – ich bin wohl die nächste!”

Der Spruch: “Jede/r von uns ist ersetzbar” ist zwar kein unbekannter und auch irgendwo verständlich, aber hat man eine derartige Situation selbst noch nie durchgemacht, dann versteht man ihn nicht so wirklich. Man kennt die Gefühle, die dieser Satz auslösen kann nicht und spürt nicht die Angst, die damit verbunden ist. Jedes Mal, wenn mein Vorgesetzter zu mir ins Büro kam und mich sprechen wollte, zuckte ich zusammen. Mir wurde übel, denn ich dachte “So, jetzt ist es soweit! Ich bin wohl die nächste!” Zum Glück kam es nie soweit, denn ich hielt es in einem derart vergifteten Umfeld selbst nicht aus und ergriff für mich die Initiative: Ich suchte mir einen neuen Job, den ich auch recht schnell fand und konnte somit guten Gewissens kündigen. Ich hatte anscheinend das richtige Gespür, denn meine damalige Führungskraft nahm meine Kündigung mit einem verschmitzten Lächeln hin und meinte nur “Da bist du mir ja zuvorgekommen”. Ich erschrak, da sich meine Ängste, gekündigt und somit ersetzt zu werden, hiermit bestätigten. Doch kurz danach war ich selbst stolz auf mich, die Situation richtig erkannt und danach gehandelt zu haben.

 

**Ani**

Share your thoughts

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.